am 15.3.08 in Nürnberg anlässlich des 6-Stunden-Laufes


Sri Chinmoy Marathon Team Vasanti: Achim, sechs Stunden, das war doch jetzt sicher ein Spaziergang für Dich, oder?

Achim: Gut, sechs Stunden sind auch kein Spaziergang. Da geht es ja um die Schnelligkeit. Es wird da ja schneller gelaufen, als beim 24-Stunden- oder beim 48-Stunden-Lauf. Und für uns ist es halt gut, weil man da ein bisschen Tempohärte aufnimmt. Man versucht einfach die 50 km unter vier Stunden zu laufen, dann hat man eine gewisse Tempohärte, die man nachher bei den langen Läufen, z.B. dem 10-Tage-Lauf in New York braucht, um sich irgendwann auch mal abzusetzen. Es ist also ganz wichtig solche Läufe zu machen, damit man Tempohärte bekommt.

Vasanti: Wie fandest du den Lauf heute, wie war es für dich?

Achim: Ich war jetzt, glaube ich, zum achten Mal in Nürnberg. Das ist der einzige 6-Stunden-Lauf, den ich noch nicht gewinnen konnte. Ich war hier, glaube ich, viermal Zweiter, aber leider klappt es hier nie in Nürnberg (mit Gewinnen). Aber ich habe ja noch ein paar Anläufe. Ansonsten: Nürnberg gefällt mir immer gut und zählt mit Stein zu den schönsten 6-Stunden-Läufen.

Vasanti: Was gefällt dir speziell an dem Lauf?

Achim: Die Harmonie, die Verpflegung, das Zählen. Den Sinn des Sportes, den merkt man hier. Es wird nicht nur mit Chip gelaufen, was anonym ist. Hier hat man noch eine Ansprechperson, auch wenn es manchmal ein bisschen hakt mit den Runden, weil es einfach zuviele sind von den Teilnehmern her. Es ist schwer für die Leute geworden. Sie haben dann vier, fünf Mann, die sie aufschreiben müssen. Am Anfang ist das sehr schwer. Und trotzdem ist noch der persönliche Kontakt da. Das ist eben der Unterschied zu den anderen Läufen.

Vasanti: Was meinst du genau mit dem „Sinn des Sports“?

Achim: Ja, da ist noch ein bisschen Menschlichkeit drin und nicht nur Technik.

Dagmar: Ich finde das auch schön mit den Runden. Ich hatte einen tollen Rundenzähler und ich finde es einfach schön, wenn man jede Runde persönlich angesprochen und angefeuert wird, man lässt dann nicht so schnell nach, als wenn man nur so einfach gegen die Uhr läuft. Wenn immer wieder einer sagt „toll“ und „nächste Runde bekommst du die Fahne“. Man hat so das Gefühl, da freut sich einer mit. Ansonsten fand ich es brutal hart heute, weil ich eigentlich viel mehr laufen können müsste, aber wir sind beide schon in Stein [6 Stunden] gelaufen und dann haben wir uns direkt eine Erkältung eingefangen und damit haben wir jetzt 14 Tage zu tun gehabt. Heute geht es jetzt gerade, aber da kann man natürlich nicht die Leistung abrufen, die man normalerweise bringen könnte. Aber es ist schon ein bisschen frustrierend, wenn man seiner Leistung hinterher läuft. Trotzdem habe ich mich die 6 Stunden durchgequält, obwohl ich mich nach 3 Stunden schon mal gefragt habe, ob das hier Sinn macht.

Vasanti: Bist du ins Medical gegangen?

Dagmar: Nein, nein, bin ich nicht. Ich denke, dass muss dann auch so gehen. Ich war trotzdem froh, dass ich die 6 Stunden gemacht habe. Das waren wieder 6 Stunden Training, eine schöne lange Einheit und gute Vorbereitung für New York. Wir haben jetzt noch 5 Wochen, glaube ich. Ja, das ist das Highlight dieses Jahr. 10 Tage haben wir bisher noch nicht gemacht, nur 6 Tage.

Vasanti: Viele Leute sagen auch, das Rundenlaufen sei langweilig. Euch hat es jetzt aber gut gefallen. Was ich persönlich mag, ist, dass man sich auch bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten immer wieder trifft.

Dagmar: Es ist natürlich etwas ganz anderes, als wenn man von Punkt zu Punkt läuft, wie bei Bari-Nordkap nächstes Jahr, wo man alleine läuft – nein Achim kommt einmal vorbei, weil er eine Stunde später startet. Aber mir gefällt das Rundenlaufen gut. Ich kann nicht sagen, dass ich mich langweile. Das weiß ich ja vorher, dass ich nichts Tolles zu sehen bekomme dort im Corona-Park in New York. 10 Tage immer das gleiche Bild, ich finde es nicht schlimm.

Vasanti: Wir hatten vorher das Mentale und das Meditative kurz angesprochen. Was läuft da bei euch so ab. Da passiert ja innerlich sehr viel, wenn man 6 Tage und mehr läuft. Was ist eure Erfahrung.

Achim: Gut, bei 6 Stunden spielt sich nicht so viel ab, weil man da ziemlich Tempo machen muss. Da achtet man bei den Runden auf seine Gegner, wie geht es denen, und nach drei Stunden trennt sich ja immer die Spreu vom Weizen. Anderes spielt sich natürlich ab, wenn man jetzt 6 Tage, 10 Tage oder durch einen Kontinent läuft, tausende von Kilometern, da spielen sich natürlich ganz andere Sachen im Kopf ab, weil man da auch viel mehr Tiefs hat, und das ist eben der entscheidende Punkt, aus diesen Tiefs wieder raus zu kommen und wieder weiter zu machen. Also, das spielt sich jetzt schon ab bei den 10 Tagen in New York, wo man nur 2 Stunden schläft. Man wird geweckt, man muss aufstehen und man muss wieder 22 Stunden laufen. Das ist der Punkt wo sich nachher die Top-Elite von den anderen unterscheidet. Die einen machen es und die anderen bleiben eben noch zwei Stunden liegen. Man muss mental stark sein, aufstehen, Schuhe anziehen und rausgehen.. Das sind die Punkte, die bei so einem Mehrtageslauf natürlich unheimlich zählen. Nicht soviel Pausen machen, auch wenn es schwer fällt, nicht soviel sitzen und nicht soviel schlafen. Das sind die, die auch immer ganz vorne sind.

Vasanti: Geht es dir dabei nur um Leistung oder geht es dir auch darum, dass du schöne innere Erfahrungen hast?

Achim: Ja für mich ist es immer wichtig, dass ich mit mir zufrieden bin. Also ich will ein gewisses Niveau haben, und wenn ich das habe, bin ich zufrieden. Ich kann nicht immer gewinnen, das ist klar. New York wird schwer. Ich trete gegen Madhupran an, der im Moment – so kann man sagen – die Nummer 1 auf der Welt ist, der Wolfgang Schwerk. Aber wir haben schon manche Duelle gefochten, früher schon, und das war sehr interessant, das wird schon ein heißes Ding, auch vom Kopf her. Und das macht mir dann auch wieder Spaß. Dann gibt es natürlich die anderen Sachen, wenn man durch Kontinente alleine läuft. Da spielen sich ganz andere Sachen ab. So wie nächstes Jahr Bari-Nordkap. Da sieht man natürlich tolle Landschaften, man läuft über Berge und über Pässe. Das ist natürlich dann vom Auge her schöner. Aber wie gesagt, ich laufe unheimlich gerne gegen die Uhr und unheimlich gerne gegen Gegner. Das kann mich unheimlich motivieren. Ich kann mich auch in einem Tiefpunkt daran sehr gut aufbauen.

Vasanti: Bist du dann frustriert, wenn du nicht der erste bist, oder ist der Gegner mehr eine Herausforderung, um dein Bestes zu geben?

Achim: Ja, wie gesagt, wenn ich mit mir selbst zufrieden bin, ist das o.k. Dann muss ich nicht immer gewinnen, dann kann ich auch Zweiter werden, das macht mir jetzt nichts aus. In New York sind wir zwei Deutsche und da möchte ich natürlich der beste Deutsche sein, wie Wolfgang (Madhupran) auch. Den sportlichen Kampf, der da auf der Strecke stattfindet, finde ich natürlich hochinteressant. Auch vom Kopf her. Da wird natürlich viel Taktik mitspielen, aber das ist gerade das, was so ein Rennen ausmacht, finde ich.

Vasanti: Worin besteht für dich die Faszination, so lange Läufe zu machen, wie die zehn Tage oder Bari-Nordkap, was absoluter Wahnsinn ist (ca. 4600 km).

Dagmar: Natürlich auch, dass das nicht jeder macht, dass wir uns ein bisschen hervorheben. Wie bei den Marathon-Läufen. Auch wenn die sechs Stunden direkt danach kommen, wird das Feld ja schon viel, viel kleiner, und die ganz langen Sachen machen dann nur noch ganz wenige. Zum einen finde ich das ganz toll, und dass man diese unvorstellbaren Sachen selbst schafft, wie die 10 Tage in New York Ende April oder Bari-Nordkap nächstes Jahr oder den zehnfachen Ironman, den ich gemacht habe.

Schaffen kann man das nur, wenn man sein Ziel immer vor Augen hat. Ich weiß vorher, dass ich mich da irre quälen muss, dass was zehn Tage weh tun wird und dass ich mich zehn Tage nicht ausschlafen kann, mich nicht gemütlich zum Essen hinsetzen und nochmal gemütlich für einen Kaffee und einen Nachtisch sitzen bleiben kann, das weiß ich alles und da muss ich mich immer wieder dran erinnern, dass ich das ja vorher wusste, und mich nicht selbst bedauern, das wäre ganz schlecht. Immer wieder an das Ziel denken, das ich mir selbst gesetzt habe. Beim Nordkap ist das einfacher. Da hat man diese Kugel vor Augen wo man hin will. Das ist bildlich etwas einfacher. Und dann darf man auch nicht die ganze Zeit an das große Ziel denken, sondern man muss sich das schön in kleine Häppchen einteilen. Bei 10 Tagen denke ich, kann man sich mal immer so von sechs Stunden zu sechs Stunden schleppen und dann mal wieder vom Mittagessen zum Abendessen. Das sind immer wieder gute Punkte, um sich das in kleine Etappen einzuteilen und so dem Ziel immer ein Stückchen näher zu kommen.

Vasanti: Auf deiner alten Homepage habe ich ein Gedicht entdeckt „Wenn man sich auf das Ziel konzentriert, dann braucht man sich um die Entfernung nicht zu kümmern“. Wo hast du das her?

Achim: Das habe ich mal irgendwoher. Aber es passt gut. Wenn man sich auf sein Ziel konzentriert, braucht man sich um den Weg dahin nicht zu kümmern. Das ist bei allem so, auch bei der Arbeit. Das muss man verinnerlichen und sagen, da will ich hin. Auch wenn dann jemand eher da ist, ist das egal. Wenn ich mein Ziel erreiche, dann bin ich zufrieden. Das ist die innere Zufriedenheit. Ihr kennt das selbst von Sri Chinmoy. Der hatte ja die gleichen Ideen. Wichtig ist, dass man mit sich und seinen Zielen zufrieden ist. Manchmal ist man Erster, manchmal ist man nur Zweiter oder Dritter. Das spielt keine Rolle. Beim zehnfachen Ironman war ich auch nur Fünfter. Aber trotzdem war ich zufrieden, weil ich unter zehn Tagen gefinished habe. Das ist so eine Schallmauer. Es ist wichtig, dass man alles durchlebt im Sport. Deshalb ist Sport auch die Schule des Lebens.

Vasanti: Wie wichtig ist Freundschaft oder freundschaftliche Beziehung für euch beim Sport?

Achim: Also ich laufe jetzt 15 Jahre in der Ultraszene und da kennt man natürlich so ziemlich alle. Es ist schön, wenn man sich wieder sieht und grüßt. Ansonsten sind wir natürlich auch viel unterwegs und haben jetzt nicht bei uns im Ort viele Freundschaften. Wir sind soviel unterwegs, da kann man solche Freundschaften nicht so pflegen. Beim Sport ist es so, wie jetzt in New York, da trifft man die wieder, die man vielleicht ein Jahr nicht gesehen hat. Das ist dann schön. Der Ultrasport oder der Extremsport ist doch eine kleine Familie, die reist durch die ganze Welt und immer trifft man sich mal wieder - das ist das Schöne, und dann tritt man gegeneinander an und das ist klasse.

Vasanti: Meine Erfahrung ist, dass man das Gefühl hat, dass man sich kennt, auch wenn man sich vorher noch kaum gesehen hat.

Dagmar: Was ich finde, ist, dass die Menschen im Ultrasport allgemein relativ freundschaftlich miteinander umgehen. Also, selbst meine größten Konkurrentinnen geben mir unterwegs immer noch irgendwelche Tipps oder ich denen, und ich finde, das ist etwas Schönes. Ich könnte ja auch mein Wissen für mich behalten und denken, „na ja, dann kommen die auf jeden Fall nach mir an“. Aber das mag ich nicht so. Man sieht ja immer, wenn es den anderen schlechter geht und gibt dann mal einen Tipp, und ich habe auch schon welche bekommen und das ist es, was ich total toll finde.

Achim: Die Extremsportgruppe ist ja klein. Da ist nicht jeder neidisch auf den anderen. Das ist beim Massensport ganz anders. Und vor allem dann, wenn es um viel Geld geht. Bei uns geht es ja nicht um Geld. Und deswegen ist auch da die Freundschaft und die Menschlichkeit viel größer, als wenn es jetzt hier 20.000 Euro gäbe, dann würde dir keiner mehr einen Tipp geben. Das ist eben der Unterschied. Wenn Geld eine Rolle spielt, ist das immer schlecht.

Vasanti: Wie geht es jetzt weiter?

Achim: Wir laufen jetzt in zwei Wochen noch mal einen Marathon. Heute hatte ich eine ganz gute Zwischenzeit mit 3:17. Da kann ich 3:05 bei einem normalen Marathon laufen. Damit habe ich noch mal eine gute Tempoeinheit und dann freue ich mich einfach auf den Zweikampf Madhupran gegen Heukemes.

Vasanti: Wie sieht es aus mit Verletzungen?

Achim: Verletzungen eigentlich nicht. Aber ich hatte dieses Jahr etwas die Seuche am Bein. Erst eine Gürtelrose. Da war das Immunsystem ganz kaputt. Dann waren wir im Trainingslager, da hatte ich eine Mittelohrentzündung und jetzt bin ich gerade auf dem Weg, wo ich mich wieder stabilisiere. Und trotzdem haben wir jetzt noch einmal eine Erkältung bekommen. Und jetzt will ich hoffen, dass ich in den nächsten fünf Wochen noch mal zwei Wochen schön trainieren kann. Dann müsste ich gut gerüstet sein. Wir haben gut Kilometer gemacht. Ich kenne ja den Wolfgang. Ich weiß, dass der gut vorbereitet ist. Jetzt müssen wir das Beste daraus machen.

Vasanti: Bist du auch mal „high“ bei den Läufen? Ich persönlich bin ja keine so schnelle Läuferin. Ich versuche es zu genießen und gehe immer bis an die Grenze, wo es mir noch Freude macht. Wenn es nicht anders geht, quäle ich mich natürlich auch ein Stück weit, aber irgendwie muss diese Freude da sein. Wie ist das bei euch?

Achim: Also heute habe ich mich kurz mit dem Harald unterhalten. Die ersten zwei Stunden sind wir so schön über den Asphalt geflogen, ganz locker. Das liebe ich. Die Geschwindigkeit liebe ich auch. Nur, ich bin jetzt 57 (Anm. der Red.: er schaut aus wie 40, maximal!), da lässt die Geschwindigkeit dann irgendwann nach. Das ist dann schade. Aber es ist schon schön, wenn man mal so zwei, drei Stunden schnell laufen kann. Wenn die Füße so über den Asphalt fliegen, das finde ich schon toll.

Dagmar: Zum Genießen muss natürlich Zeit sein. Die bleibt bei sechs Stunden nicht so. Obwohl, letztes Jahr haben wir das Badwater-Race gemacht und das war gigantisch, obwohl es da 52° sind, fand ich das so irre, diese Landschaft dort, die ja total karg ist, aber immer wieder anders und total reizvoll. Das habe ich dann schon genossen, obwohl es doch total anstrengend war. Wenn man mit solchen Bildern belohnt wir, kommt einem die Quälerei gar nicht so schlimm vor.

Vasanti: Wie sieht es mit der Ernährung aus?

Achim: Die findet nach einem Konzept statt. Das beginnt mit dem Frühstück, mit Müsli und und etwas für den Darm. Da verwende ich die FitLine-Produkte - da gibt es bestimmte Getränke für ganz bestimmte Zwecke, zum Regenerieren, zur Regulierung des Säurehaushalts, usw. Auch Biathleten verwenden das in letzter Zeit immer mehr.

Vasanti: Ich finde auch, dass gute Nahrungsergänzung wichtig ist, nicht nur im Ultrasport. Vielen Dank, dass ihr noch Zeit hattet und alles Gute!

Links von Achim Heukemes:
www.heukemes.net
www.fanconi.de/9_australien.htm"
www.runforlife05.com

und von Dagmar:
www.dagmar-grossheim.de

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